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Presseberichte zu den Theaterstücken der Erwachsenengruppe

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Schwäbische Zeitung vom 29.03.2019 Ausgabe TT

Zur Probe im Paradies

HELMUT VOITH
 

Vor 24 Jahren hat die Laienspielgruppe die Komödie „Das schwäbische Paradies“ schon einmal gespielt, jetzt haben sie das Stück in einer für Laien ungemein dichten, intensiven Inszenierung von Wolfgang Kugele auf die Bühne im Gleis 1 gebracht.

Der Tod gehört für die Menschen untrennbar zum Leben. Was Wunder, dass sie sich seit jeher Gedanken darüber gemacht haben, wie es wohl hinterher weitergeht. Der Autor Manfred Eichhorn hat in einem liebevoll aufgebauten Bilderbogen das Schicksal des Weinbauern Stiegele in den Mittelpunkt gestellt und in nostalgischer Verklärung gezeigt, was geschieht, wenn ein Mensch mit vollem Risiko den Tod dazu bringt, dass er ihm noch weitere zwanzig Jahre zugesteht. Die Komödie geht auf Franz von Kobells mehrfach für Bühne und Film bearbeitete, Anfang des 19. Jahrhunderts spielende Erzählung vom Brandner Kaspar, der den Tod hereinlegt, zurück. In Meckenbeuren wird eine schwäbische Fassung der Komödie gespielt, die Handlung in die fruchtbare Landschaft am Bodensee übertragen. Hier wird der Tod nicht mit Schnaps geködert, sondern der Stiegele lädt den widerstrebenden Knochenmann zu einem Glas seines besten Weißherbsts ein. Köstlich, wie er ihn mahnt, dieses Gottesgeschenk mit Ehrfurcht zu schlotzen.

Das wunderbar passende Bühnenbild beschwört von der ersten Szene an heimelige Stimmung. Fischer und Weingärtner sitzen am Tisch und singen altbekannte Lieder. Doch die Welt ist keineswegs heil. Der noch gar nicht so alte Stiegele spürt seine Leber, greift sich mehrfach ans Herz, da kann beileibe nicht alles stimmen. Es ist eine Paraderolle, die Didi Ammann ohne Pathos, ganz von innen heraus spielt. Lebensecht sind auch die anderen. Etwa Torsten Fahr als Geldgeber namens Wucherer, der nett gewesen sein muss, bevor das Geld all sein Denken bestimmte. Ebenso Sandra Marschall als geschäftiges Riggele und Verena Damoune als liebevolle Enkelin Dorle.

Dumpfer Donner schafft eine unheilschwangere Atmosphäre, der Alte hört seinen Namen rufen, wenig später steht Wolfgang Kugele als Tod bei ihm im Haus, will ihn mit aller Bestimmtheit holen. Durch einige Viertele wagemutig und noch gewitzter trickst der Stiegele den „Boinerkarle“ aus, der beschwipst von dannen zieht, ein herrliches „Duell“. Wie neu geboren kommt sich der Stiegele vor, genießt den Besuch seiner Enkelin, die der Jugendfreund Karle (Heinrich Steinhauser) eifrig begleitet, doch schnell braut sich Unheil am Himmel und auf der Erde zusammen. Simon Trakowsky kommt als „Schatz“ aus der Stadt und gerät mit Karle aneinander, doch schlimmer noch: Die Totenglocke läutet – beim Versuch, die anderen vor Unheil zu bewahren, ist das Dorle ertrunken.

Da sind dem Stiegele seine gewonnenen Jahre nichts mehr wert, doch durchhalten will er, versprochen ist versprochen. Erst das Angebot des Boinerkarles, mit ihm nur mal probeweise, nur für eine Stunde zum Himmel zu fahren, kann ihn zum Mitkommen bewegen. Denn droben hat man inzwischen sein Fehlen entdeckt. Man ahnt, was kommen muss, und genießt die Details.

Liebevoll malen die Laienspieler das „schwäbische Paradies“ aus. Geschafft und geputzt wird wie früher auf Erden und menschliche Schwächen haben auch die Seligen samt Himmelspersonal. Bei Petrus (Heinrich Hahn), Erzengel Michele (Peter Schimmels), Nepomuk (Torsten Fahr), dem Postengel (Maria Heine) und einer „Reing’schmeckte“ (Susanne Barthel) geht es recht irdisch zu, man kann die Kässpätzle und Nonnefürzle geradezu riechen. Auch Frau Stiegele (Christine Türk) wartet schon lang auf den Säumigen. Klar, dass es da dem Stiegele gefällt und er gerne oben bleibt.

 

24.03.2017

Christel Voith

Abstoßend und faszinierend zugleich

Laienspielgruppe Meckenbeuren brilliert in dem Stück „Wer hat Angs vor Virginia Woolf?“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Laienspielgruppe Meckenbeuren spielt „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“: Es kocht in George. Von links George (Thorsten Fahr), Nick (Philip Schimmels), Putzi (Pia Kreuzer) und Martha (Susanne Barthel).

Helmut Voith

Meckenbeuren sz Zwei Tage vor der Premiere haben sich die vier Protagonisten in Edward Albees Klassiker „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ bereits in Topform gezeigt, und Regisseur Kai Weber ist mehr als zufrieden, wie sie die extremen Emotionen ausleben. Keine leichte Kost hat Weber für die Spieler der Laienspielgruppe Meckenbeuren ausgesucht, doch seit er den Kultfilm mit Liz Taylor und Richard Burton gesehen habe, habe er das Stück unbedingt selber umsetzen wollen.

 

Ein Stück, das ohne starke Spieler von vornherein zum Scheitern verurteilt wäre – doch das Quartett, das hier auf die Bühne kommt, ist geradezu umwerfend in seiner Spielpower und seiner Tiefe. Als großes Plus erweist sich wieder mal der Pool von Spielern, der in der Jugendgruppe heranwächst: Drei Spieler samt Regisseur kommen aus dieser „Schmiede“ – Pia Kreuzer und Philip Schimmels zum ersten Mal. 

Kai Weber bringt reines Schauspielertheater auf die Bühne, spannend bis zum letzten Moment. Theater, das nicht einfach illusioniert, sondern Raum für Reflexion lässt. 

Im eleganten Ambiente (dank Möbelhaus Block) sitzen sie artig nebeneinander, fallen wild übereinander her, pendeln zwischen Bar und Sitzgarnitur, der Cognac- und Whiskypegel steigt bedenklich. 

Schrittweise Demaskierung 

Die gnadenlose Radikalität des Stücks und die komplexen Charaktere fesseln noch heute. Gebannt erlebt der Zuschauer, wie Susanne Barthel und Thorsten Fahr als Martha und George sowie Pia Kreuzer und Philip Schimmels als Putzi und Nick in dieser dramatischen Auseinandersetzung mit der Lebenslüge, in der exzessiven Entblößung und Zerfleischung des Ichs wie des Partners die schrittweise Demaskierung ihrer Figuren sichtbar machen. 

Im Laut-Aggressiven wie im ganz Leisen perfekt dosiert, lässt Susanne Barthel die perfide Ehehölle, den Hass und den verborgenen Hunger nach Liebe und Verständnis in vielen Facetten schillern, lässt auch Komik mitschwingen. In 23 Ehejahren haben George und Martha Mechanismen des Kampfes entwickelt - wehe dem, der in ihren giftigen Bannkreis gerät. Sie entblößen sich vor ihren Gästen Nick und Putzi, reißen sie hinein in ihr zerfleischendes Spiel. 

Möglicherweise ist ein entscheidender Punkt erreicht, als George den fiktiven Sohn sterben lässt: Es gibt kein Zurück – vielleicht ein Ansatz, der Realität ins Auge zu sehen. Das leise Ende deutet es an. Thorsten Fahr fesselt in jeder Phase, als gescheiterter Professor und todesmüder, resignierter Ehemann wie als erbarmungsloser Rächer, der in der rücksichtslosen Aufdeckung der Wahrheit den einzigen Weg zur Heilung sieht. Denn Martha ist zwar abgrundschwarzer Weibsteufel, der keine Chance auslässt, ihn zu demütigen, und doch tief verwundbar zugleich. Mit lebhaftem Mienenspiel macht Philip Schimmels als karrierebesessener Biologieprofessor die Demaskierung des Egoismus ebenso bewusst wie Pia Kreuzer die Hysterie seiner Kindfrau. Fazit: Großes Theater auf der kleinen Bühne.

 

 

Aus Südkurier vom 24.03.2017

Laienspielgruppe bringt "Wer hat Angst vor Virginia Woolf" auf die Bühne

Szenen einer nicht alltäglichen Ehe: Die Laienspielgruppe Meckenbeuren zeigt Albees "Wer hat Angst vor Virginia Woolf" im Kulturschuppen am Gleis 1. Vier Abende liefern sich die Akteure ein heftiges Ehegefecht auf der Bühne.

George (Thorsten Fahr) legt auf Martha (Susanne Barthel) an. Putzi (Pia Kreuzer) und Nick (Phillip Schimmels) sind entsetzt.George (Thorsten Fahr) legt auf Martha (Susanne Barthel) an. Putzi (Pia Kreuzer) und Nick (Phillip Schimmels) sind entsetzt. | Bild: Kerstin SchwierZwischen Martha (Susanne Barthel) und Nick (Phillip Schimmels) geht an dem Abend noch was. | Bild: Kerstin SchwierGeorges (Thorsten Fahr) finaler Schlag hat gesessen. Martha (Susanne Barthel) bricht zusammen. Nick (Phillip Schimmels) und Putzi (Pia Kreuzer) werden Zeugen des Ehedramas. | Bild: Kerstin Schwier
 
 

Zugegeben, nach jahrzehntelanger Ehe kann sich schon mal der ein oder andere Verstoß gegen die von Beziehungsratgebern propagierte achtsame und wertschätzende Kommunikation unter Partnern einschleichen. Doch was sich Martha und George in Edward Albees Klassiker „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“ gegenseitig an den Kopf ballern, geht weit über ein normales Ehegeplänkel oder das berühmte reinigende Gewitter hinaus. Dagegen nehmen sich Beleidigungen à la „Idiot“ oder „dumme Kuh“ wie zärtliches Liebesgesäusel aus. Nein, in Albees bitterer Ehesatire geht es richtig zur Sache.

Die Laienspielgruppe Meckenbeuren bringt das berühmteste Stück des Amerikaners, das in der Verfilmung mit Richard Burton und Elisabeth Taylor fünf Oscars gewann, auf die Bühne des Kulturschuppens am Gleis 1. Für Regisseur Kai Weber geht damit ein lang gehegter Traum in Erfüllung, wie er bei einem Probenbesuch erzählt. „Das ist das erste Stück, was ich jemals spielen wollte. Der Film ist grandios. Wie die beiden miteinander umgehen, dieser Wechsel der Emotionen“, gerät der Regisseur ins Schwärmen.

Doch bislang scheiterte die Realisierung dieses ambitionierten Projektes an der Besetzung der Putzi. In den Reihen der Laienspieler fand sich niemand, der die Rolle der jungen, vermeintlich naiven Dozentengattin übernehmen konnte. Mit Pia Kreuzer, mit reichlich Talent und Erfahrung aus den Tagen bei der Jugendspielgruppe gesegnet, hat Weber nun die perfekte Mimin gefunden.

Schauplatz des Geschehens, oder besser Kampfarena, ist das Wohnzimmer von Martha (Susanne Barthel, gewohnt temperamentvoll) und George (Thorsten Fahr, souverän wie immer, Thorsten Fahr). Hierhin kommt das Akademikerpaar nach dem Besuch einer Feier des Collegepräsidenten, Marthas Vater, den sie glorifiziert, spätnachts zurück. Während George schnell sein Jackett gegen die bequeme, altbackene Strickjacke tauscht, verkündetseine Frau, dass sie noch Gäste zu einem Schlummertrunk erwartet, „weil Vater gesagt hat, wir sollen nett zu ihnen sein“.

Mit Erscheinen von Putzi (Pia Kreuzer) und ihres smarten Ehemanns, des jungen, aufstrebenden Biologieprofessor Nick (Phillip Schimmels, überzeugend), kann die Schlacht beginnen. Fassungslos erlebt der Akademiker-Nachwuchs, mit welcher Schamlosigkeit das ältere Paar seine Konflikte vor den fremden Besuchern austrägt. Denn Martha und George brauchen die beiden jungen Leute als Zuschauer und Claqueure für ihr leidenschaftliches Ehegefecht, das sie schon oft durchexerziert haben. Jeder weiß um die wunden Punkte des anderen. Weiß, welche Knöpfe er drücken muss.

Beeindruckend, wie Susanne Barthel die emotionale Achterbahnfahrt Marthas präsentiert. Sie schreit, keift, brüllt mit einer Inbrunst, nur um im nächsten Moment verführerisch zu gurren oder leise zu wimmern. Auch Thorsten Fahr nimmt man den resignierten Geschichtsprofessor gerne ab. Zynismus ist seine Waffe gegen die sadistischen Verbalattacken seiner Frau. Unaufhaltsam werden Putzi und Nick in den Strudel dieses Hass-Liebe-Duells hineingezogen, werden demaskiert und schließlich selbst zu Opfern. „Die Gästefalle“ hat zugeschlagen. Da helfen auch Putzis nervtötendes, verlegenes Gegacker oder ihre dauernden Kotzanfälle nicht mehr weiter. „Willst du den totalen Krieg?“, schreit George Martha an einer Stelle an. Und natürlich will sie. Doch Martha hält sich nicht an die Spielregeln. Sie erwähnt vor den Gästen ihren fiktiven Sohn, „unsere Stütze, unseren ganzen Trost, unseren Ping-Pong Ball“. Das kann George nicht ungestraft lassen.

 

 

 

 

 Bericht der Schwäbischen Zeitung vom 10.03.2016

Christel Voith

LAIENSPIELERDUO AMÜSIERT MIT DRAMATISIERTEM BESTSELLERROMAN

Meckenbeurer Laienspielerduo amüsiert mit dramatisiertem Bestsellerroman

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Ein spannendes E-Mail-Liebesspiel spielen Wolfgang Kugele als Leo und Susanne Barthel als Emmi.
Christel Voith

Meckenbeuren sz 

Ein zarter und immer intensiverer Flirt via E-Mail mit einer „virtuellen Traumgestalt“ hat seinen eigenen prickelnden Charme. Kein Wunder, dass der 2006 erschienene Roman „Gut gegen Nordwind“ des Wiener Journalisten und Autors Daniel Glattauer ein Bestseller und schon bald für die Bühne bearbeitet wurde. Jetzt hat die Laienspielgruppe Meckenbeuren das Zwei-Personenstück mit Susanne Barthel als Emmi Rothner und Wolfgang Kugele als Leo Leike auf die Bühne im Gleis 1 gebracht und der Erfolg ist ihrem virtuellen Zündeln mit der Liebe gewiss. 

Dabei hing die Premiere noch zu Wochenbeginn an einem seidenen Faden. Eine Stimmbandentzündung verbot Susanne Barthel das Sprechen und noch bei der Generalprobe am Mittwoch kämpfte sie gegen ihren Husten. Dem facettenreichen Spiel der beiden tat dies allerdings keinen Abbruch, die Zuschauer erwartet manch verständnisinniges Nicken und Schmunzeln, denn was hier als moderner Briefroman daherkommt, nur viel unmittelbarer, lebt zwar von Sehnsuchtsphantasien, wäre aber durchaus denkbar.

Die miese Zeitschrift „Like“ wollte Emmi per Mail abbestellen, doch durch einen Tippfehler ist ihre Kündigung bei Leo Leike gelandet. Er antwortet grantig, sie sei bei ihm falsch. Fall erledigt? Nein, jetzt fängt es erst an. Noch einmal vertippt sie sich, macht ihn mit ihrer langen Entschuldigung neugierig, da er beruflich die Sprache von E-Mails untersucht. Da kommt sie als Testperson gerade richtig. Hin und her gehen die E-Mails: „Wir kommunizieren im luftleeren Raum.“ Sie versuchen sich den anderen vorzustellen, reihen Details wie Mosaiksteinchen aneinander: „Ich bastle mir aus Ihren E-Mails meine eigene Emmi“, schreibt er, das Spiel gewinnt an Dynamik und frustriert wiederum: „Das ist doch kein Ausschnitt aus dem wahren Leben“, klagt Emmi und fragt nach einem realen Treffen, doch er: „Wo soll das hinführen?“ Beim Spiel mit dem Feuer keimt und wächst die Sehnsucht: „Ich habe mich in ihre Worte verliebt“, merkt Leo, doch sie hält Abstand: „Das ist nur ein Spiel zwischen uns – auf höchstem Niveau.“

SCHMINKTISCH UND DESIGNERBÜRO

Hier ist Zeit, die beiden vorzustellen, für die Gerhard Schmid und sein Team je eine eigene Welt auf die Bühne gestellt haben: links Emmis weibliches Reich mit Schminktisch, üppig gefülltem Kleider- und Schuhständer, rechts Leos kühles Designerbüro. Leo steckt mitten in einer Beziehungskrise – ist Emmi seine „Marlene-Verarbeitungstherapie“? Emmi ist verheiratet, hat zwei erwachsene Kinder und ist keineswegs bereit, ihr sicheres Heim aufzugeben: Ihre Ehe ist ihre Festung, Leo ihre Außenwelt.

Erotischer wird das Spiel der Einsamen, das Ziehen der Bremse immer schwieriger. Das Spielerduo geht in seinen Rollen auf, die Gesichter werden ebenso zur Bühne wie die Gesten, die Bewegungen im Raum, denn die beiden bleiben keineswegs an ihren Laptops hängen, sondern leben ihre Träume bis hin zum mitternächtlichen Tête-à-tête mit Wein- und Whiskyglas.

 

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15.03.2015
Helmut Voith

ICH MACHE EINEN CHAGALL AUS IHNEN“

Meckenbeurer Laienspieler amüsieren mit Kishons bitterböser Farce zum Kunstbetrieb
„Ich mache einen Chagall aus Ihnen“
Helmut Voith

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Meckenbeuren hv

 Mit der bitterbösen Kunstsatire „Zieh den Stecker raus, das Wasser kocht“ von Ephraim Kishon hat die Laienspielgruppe Meckenbeuren ein ausgezeichnetes Stück in gewohnt hoher Spielqualität auf die Bühne am Gleis 1 gebracht.

Kishon wusste, wovon er schrieb, hatte er doch selbst Kunst studiert und war später auch Leiter eines Theaters. In dieser Satire auf den zeitgenössischen Kunstbetrieb wird in der richtigen Mischung von boshaften Seitenhieben und realitätsnahen Schilderungen ein Blick hinter die Kulissen gegeben, der Gegnern wie Befürwortern der modernen Kunst Spaß bereitet und sicher zum Nachdenken anregt. Die Botschaft, nicht alles todernst zu nehmen, kommt in der Inszenierung durch Hermann Scheibitz gut über die Rampe und ist auch auf andere Bereiche des Lebens zu übertragen.

Heinrich Hahn spielt einen unbekannten Maler, der vor sich hindarbt, weil sein Bestreben, Rembrandt nachzueifern, keinen interessiert. Dennoch bleibt er bis zuletzt seinen Prinzipien treu, ja gerade deshalb spielt er das verlogene Spiel, das ihn zum Shooting Star der Avantgarde macht, mit, weil er anders seinen Kampf nie gewinnen könnte. Frisch und wandlungsfähig umsorgt ihn Vanessa Köhler als sein Modell. Man glaubt ihr, dass sie Erfolg hat mit dem Einsatz weiblicher List gegen männlichen Starrsinn. Zwischen beiden entfaltet sich ein Wettkampf, der letztlich offen endet.

Eine Prachtrolle für Wolfgang Kugele ist der ebenso gefürchtete wie gefrustete Kunstkritiker Kalmann M. Kaschtan. Dieser wirft mit viel Abrakadabra um sich und kann doch nicht verbergen, dass er eigentlich von dem ganzen Hype nichts hält – dennoch will er nicht aus der ungeliebten Rolle ausbrechen, weil er damit sehr gut lebt. Sehr eng arbeitet er mit dem Kunsthändler und Mäzen Pickler zusammen. Florian Falkert gibt diesem schrägen Paradiesvogel die richtige Portion Dummheit und Dreistigkeit mit. Er überzeugt als Mann, der, von einer Getränkebude kommend, den Aufstieg zum Galeristen geschafft hat und jetzt das große Geld scheffelt.

ANSPRECHENDES BÜHNENBILD

Köstlich besetzt sind auch die Nebenfiguren wie der Pariser Maler Jacquot (Guy Mathieu), der seine Bilder von einer elektrischen Spielzeuglokomotive malen lässt, der Bildhauer Gogo (Kai Weber), den das Zahnweh mehr plagt als der Hang zur Kunst, und das gelangweilt-verführerische Modell Mon Chérie (Steffi Burkhardt). Trefflich nimmt Susanne Barthel die betuchte Kunsttouristin Mrs. Green aufs Korn, die sich alles andrehen lässt, was gerade in ist. Dass Karl Ott als verständnisloser Verkehrsminister bei der Ausstellungseröffnung zu allem ein stereotypes Lob parat hat, soll es schon zu Kaisers Zeiten gegeben haben. Als Galeriediener tragen Philipp Schimmels und Gerhard Schmid weitere vergnügliche Tupfer bei. Eine sehenswerte Aufführung – auch dank wohlüberlegter Technik und ansprechendem Bühnenbild.

 

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Südkurrier vom 25.03.2014
25.03.2014  |  von   |  

DIE HÖLLE IST DAS BÜRO DES CHEFS

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Und so viele unanständige Ausdrücke! Keine Überraschung: Nach der Pause – so lange hatten sie es anstandshalber ausgehalten – blieben ihre Stühle leer. Alle anderen Zuschauer im Kulturschuppen am Gleis 1 in Meckenbeuren fanden Vergnügen am „Bandscheibenvorfall“. Das Stück stammt aus der Feder einer „alten“ Theaterhäsin, ehedem aus der Nachbarschaft: Ingrid Lausund, die viele Jahre im Theater Ravensburg aktiv war.

Das Geschehen auf der Bühne ist keinesfalls realistisch. Es ist ein Reigen aufgespießter realsatirischer Momentaufnahmen. Auch das Bühnenbild ist nicht ganz realistisch. Ein kühles Firmenambiente, zwei Toilettentüren, Kaffee-Ecke, Sitzgruppe vor einer Lamellenwand, Einzelstühle. Und zwei identische Uhren, welche die reale Zeit anzeigten. Ihre Bedeutung war nicht zu erschließen. Dass zwei oder drei oder gar fünf Firmenmitarbeiter gleichzeitig auf einen Termin beim Boss warten, kommt sicher auch nirgendwo vor. Überhaupt: der Chef! Er bleibt unsichtbar hinter seiner gepolsterten Tür. Zu ihr führen fünf Stufen, mit rotem Teppich belegt. Auch dies rein symbolisch, für die Hybris des Chefs ebenso wie für die heikle Situation, dort vorreiten zu müssen, verbunden mit Angst und Unsicherheit. Geht es um Kündigung oder Beförderung? Ein wesentliches Element sind die Versuche der Angstbewältigung qua exakter Planung des Besuchs. Die einzelnen Schritte werden mehrfach, teils zeitgleich aber versetzt heruntergebetet, bis sie zu sinnfreiem Silbengestammel entarten. Ein kleines Manko: Die Besuche beim Chef fallen oft viel zu kurz aus, es kann keine Spannung entstehen.alt

Die Späßchen zwischendurch vermögen nicht über Animositäten, Konkurrenzdenken, Überheblichkeit – kurzum die Hackordnung – hinwegzutäuschen. Grotesk, dass da „wirklich“ ein Messer im Rücken steckt oder eine Axt im Kopf! Großartiger Einfall, wie Hufschmidt (Florian Falkert) von seiner Kindheit heimgesucht wird: Die Eltern brüllen hinter der Lamellenwand unablässig ihre Forderungen, ihr Gemecker, ihre Drohungen.

Der wahnsinnigste Einfall aber ist, wie alle Figuren gegen Ende des Stückes mit bewundernswerter Konsequenz von einer Sekunde zur anderen in den Subtext wechseln. Äußerlich sondern sie „scheißfreundliche“ Floskeln ab, um sich sofort wüste Fäkalsprache um die Ohren zu hauen. Als souverän scheinende Businessfrau Sabine Beck. Eher naiv-aufopfernd, aber hochmotiviert Vanessa Köhler. Torsten Fahr gibt den kollegialen Kollegen mit wenig Rückgrat, der nicht merkt, wie lächerlich er sich macht. Der Größte – aber eigentlich jämmerlich – ist Florian Falkert mit gewohnter Präsenz und klarer Sprache. Bei Wolfgang Kugele stellt sich bisweilen die Frage: Ist das jetzt „Herr Kretzky“ oder Kugele privat? Zum Glück sind beide sehr sympathisch. Regisseur Kai Weber hat aus allen das Optimale herausgeholt.

23.03.2014

Helmut Voith

Laienspielgruppe Meckenbeuren spielt Satire von Ingrid Lausund

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Am Gleis 1 ist die (Büro-)Hölle los: Von links Florian Falkert, Torsten Fahr, Wolfgang Kugele, Vanessa Köhler und Sabine Beck. 

Helmut Voith 

Meckenbeuren sz Mit der Bürosatire „Bandscheibenvorfall – ein Abend für Leute mit Haltungsschäden“ von Ingrid Lausund hat die Laienspielgruppe Meckenbeuren ihre Zuschauer im dünn besetzten Kulturschuppen Gleis 1 unterhalten. Die in Berlin lebende Autorin Ingrid Lausund ist hier bekannt als Mitbegründerin des Theaters Ravensburg. Sie war Hausautorin und Regisseurin am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg und am Schauspiel Köln. 

Kai Weber hat ihre 2002 in Hamburg uraufgeführte Groteske „Bandscheibenvorfall“ für die Laienspieler mit vehementem Körpereinsatz umgesetzt und doch entstehen Längen, hätte man sich mehr Rotstift gewünscht. Bei ironisch-satirischen Texten ist etwas weniger oft mehr. Ohne die Textvorlage zu kennen, lässt sich jedoch schwer sagen, wie viel der Wirkung vom Autor und von der Regie stammt. 

Fünf Menschen stehen auf der Bühne, die alle darauf warten, vom Chef zum Rapport gerufen zu werden. Eigentlich sind die fünf Typen, die alle sehr engagiert gespielt werden, wie man das von den Meckenbeurer Laienspielern gewohnt ist, Gefangene. Gefangen in ihrem Drang, es dem unsichtbar bleibenden und umso schrecklicher werdenden Chef recht zu machen. Jeder ist ein Egoist, der – koste es, was es wolle – die anderen niedermacht, um selbst oben zu schwimmen. Mit einer Ausnahme: Frau Kristensen. 

Vanessa Köhler spielt eine junge Frau, die glaubt, dass mehr Miteinander die Lage für alle verbessern könnte. Sie kämpft auf verlorenem Boden, ihre Anstrengungen laufen ins Leere. Selbst ein scheinbar Verbündeter wie der von Wolfgang Kugele gespielte Sonnyboy Kretzky benutzt sie nur und wechselt rasch die Fronten, wenn es opportun erscheint. Er kann so schön hinterhältig sein, während Florian Falkert als Karrierist Hufschmidt überzeugt, der über Leichen gehen würde. Ungeniert reagiert er sich ab am Kollegen Kruse, dem er sogar eine Reihe von Ohrfeigen verpasst. 

Torsten Fahr überzeugt als armes Schwein, auf dem die anderen herumtrampeln können. Bleibt die intrigante Frau Schmitt als zweite Frau im Büro, von Sabine Beck mal weiblich, mal businesslike auf die Bühne gebracht. Das Ganze spielt in einem nüchternen Vorraum nahe der Kaffeetheke, den Gerhard Schmid mit seinem Team eingerichtet hat. Während jeweils einer wild entschlossen zum Chef geht, fallen die Zurückbleibenden einander in den Rücken, bilden immer neue Koalitionen. In traumartigen Sequenzen bröckeln hinter einer Lamellenwand auch mal Fassaden, scheinen Traumata und unerfüllbare Wünsche auf. Immer wieder fragt man sich, was als Nächstes noch kommen könnte, doch das Stück tritt auf der Stelle – wie im richtigen Leben. Am Ende sind alle fünf in der Damentoilette verschwunden – und dann?

 

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15.03.2013

sz und chv

Laienspieler glänzen mit frecher Seitensprungkomödie

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Rasante Farce in Meckenbeuren: An zweierlei Tischen laufen simultan zweierlei Abendeinladungen statt. Von links Sandra Marschall, Torsten Fahr, Stefanie Burkhardt, Alexander Savarino, Vanessa Köhler und Florian Falkert. 

Helmut Voith

Meckenbeuren sz/chv Viermal präsentiert die Laienspielgruppe Meckenbeuren im Kulturschuppen Alan Ayckbourns freche Seitensprungkomödie „Die bessere Hälfte“. Ein Leckerbissen ist Regisseur Kai Weber, den sechs Schauspielern sowie Gerhard Schmid und seinem Bühnen-Team dabei gelungen, der zudem absolut jugendfrei daher kommt: Keine Bemerkung geht unter die Gürtellinie. 

Zum Inhalt an dieser Stelle nur so viel: „Büro-Casanova“ Bob Philipps, zu Hause ein versoffenes Ekel (als ungenierter Macho glänzt Alexander Savarino), hat eine Affäre mit der Frau seines Chefs. Nachts um zwei sind die beiden heimgekommen und bringen mit ihren Ausreden den Stein erst richtig ins Rollen. Alle Versuche, wieder auf den Boden zu kommen, führen zu neuen pikanten Komplikationen. Ob das Happyend wirklich ein Happyend ist, sei dahingestellt – sicher ist, dass die Meckenbeurer einen amüsanten Abend voller Tempo und Witz präsentieren. 

Ein Clou bei all dem: Man erlebt die beiden Ehepaare anfangs beim Frühstück simultan auf der Bühne.

 

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Von Helmut Voith (Schwäbische Zeitung)
04.11.2012

Laienspielgruppe Meckenbeuren glänzt mit scharfzüngigem Zwei-Personen-Stück

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Gepfefferte Wortgefechte und skurrile Situationen machen den Spielern Susanne Barthel und Wolfgang Kugele ebenso Spaß wie den Zuschauern. 

hv

Meckenbeuren sz So schön es auch wäre, ein Happyend gibt es nicht in Barry Creytons sprühender Komödie „Doppelfehler“, auch nicht im dritten Anlauf zweier Ex-Ehepartner zu zweifelhaftem Miteinander. Aber warum muss es immer ein Happyend geben, nur weil ein Mann und eine Frau es miteinander versuchen? Vielleicht liegt ja das Glück gerade in ihren neuen Beziehungen, die im Film – oder hier im Boulevardstück – nur ganz nebenbei erwähnt, ja despektierlich betrachtet werden? 

Jedenfalls sind die gepfefferten Wortgefechte zwischen George und Alexandra, zwischen der scharfzüngigen Powerfrau und ihrem Ex, dem „zynischen Aas“, höchst vergnüglich zu beobachten. Seit fünf Jahren geschieden, sind sie sich zufällig wieder begegnet. Sie in neuer Ehe mit einem wesentlich jüngeren Mann, er mit schnell wechselnden blutjungen Gespielinnen. Wider besseres Wissen zieht es sie wieder zueinander, ihre neuen Partner lernen wir nur aus den Dialogen der Protagonisten kennen. Ein Zwei-Personen-Stück – etwas ganz anderes, Neues bei der Laienspielgruppe Meckenbeuren

Ein flottes Stück, bei dem die Fetzen fliegen. Es erinnert bisweilen an Tennessee Williams’ „Katze auf dem heißen Blechdach“, es gibt der Assoziationen mehr. Hautnah und in packender Lebendigkeit schildert der australische Erfolgsautor Barry Creyton den Kampf eines Paares, das zehn Jahre „Schlammschlacht“ brauchte, um zu erkennen, dass die beiden nicht miteinander können, weil Kleinigkeiten des Alltags das Klima vergiften, den guten Willen zermürben. Seine Rechthaberei, seine Neurosen, sein Macho-Gehabe und ihre ironische, ja sarkastische Art, damit umzugehen. Sie bewegen sich zwischen Tisch und (selten) Bett, werfen sich gekonnt ihre Bosheiten an den Kopf. Gelegentlich – das amerikanische Klischee muss bedient werden – sind sie bei ihrem jeweiligen Psychiater, sogar auch bei dem des Partners. 

Auf drei verschiedenen Ebenen – in den direkten Begegnungen, im Reflektieren beim Psychiater und in Rückblenden auf Schlüsselszenen ihrer Ehe – wird der Zuschauer zum Voyeur in diesem Kleinkrieg und hat Gelegenheit festzustellen, dass vieles aus dem Leben gegriffen ist. Vielleicht gerade der Grund, warum das Spiel so fesselt. Erst recht, nachdem Susanne Barthel und Wolfgang Kugele genüsslich den Witz, die sitzenden Pointen auskosten. Herrlich, wie hellwach die zwei Spieler aufeinander reagieren, sich die Bälle zuwerfen, allein ihre Mienen sprechen Bände. Pingpong im Squash-Tempo. Ein helles Vergnügen für die Zuschauer im Gleis 1, leider nur am vergangenen Wochenende. Wie schade.

 

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 Von Helmut Voith (Schwäbische Zeitung) 18.03.2012

Laienspielgruppe: Willkommen in der wunderbaren Welt der Wall Street!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Meckenbeuren - Mit kräftigem Applaus belohnte das Publikum am Freitagabend die Premiere der Laienspielgruppe Meckenbeuren. Mit Jerry Sterners 1991 verfilmter Kapitalismussatire „Das Geld anderer Leute“ hat sich die für ihre hohe Qualität bekannte Gruppe ein auch heute noch hochaktuelles, aber auch schwieriges Stück herausgesucht. 

Man hört leider allzu oft in den Medien davon: Ein wirtschaftlich noch gesundes Unternehmen wird aufgekauft und so „saniert“, dass es vom Markt verschwindet, denn es gibt Firmen, die tot mehr wert sind als lebendig. Dabei spielen die Menschen, die betroffenen Mitarbeiter und ihre Familien, keinerlei Rolle - was zählt, ist allein die Maximierung der Rendite für Aktionäre und Börsenhaie.

Dietmar Ammann überzeugt als in die Jahre gekommener Vorstandsvorsitzender einer Neu-Engländer Firma, der wie ein Patriarch nur das Wohlergehen der Firma und seiner Mitarbeiter im Kopf hat. Alles, was nur den Anschein eines zweifelhaften Geschäfts hat, weist dieser entschieden von sich. Unterstützt wird der aufrichtige Kämpfer von seiner langjährigen Assistentin Bea. Sabine Beck verkörpert glaubhaft die Frau, die eigentlich mit der Firma verheiratet ist und darin ihre wahre Erfüllung findet, während sie ihre Tochter, die streitbare Wall-Street-Anwältin Kate, nicht mehr versteht.

Überlegen agiert Vanessa Köhler als Anwältin, die von der Mutter zu Hilfe gerufen wird, die traditionelle Firma zu retten. Hochhackig stöckelt sie über die Bühne, fremd in ihrer ehemaligen Heimat, dafür umso vertrauter mit dem skrupellosen Spiel der Börsenhaie. Der Einzige, dem sie wirklich imponiert, ist ihr Kontrahent Larry Garfinkle mit Spitznamen „Larry, der Liquidator“, und das Einzige, was ihn wirklich interessiert, ist Geld, Geld, Geld. Florian Falkert, erst seit wenigen Jahren bei der Meckenbeurer Gruppe, glänzt in der Paraderolle eines Fieslings, wie sie schöner nicht sein könnte. Ständig mit dicker Zigarre, ständig Donuts mampfend und über seine eigenen Bonmots – oder was er dafür hält – lachend, wirkt er genüsslich als Ekel, das alle Antipathie anzieht. Und doch kommen sie alle zu ihm, die retten wollen, was wohl nicht zu retten ist. Auch Billie Coles, der Manager der zu liquidierenden Firma, der noch schnell einen Deal machen will, als er seine Felle davonschwimmen sieht – eine zwielichtige Rolle für Torsten Fahr. Er hat den Enttäuschten zu spielen, der sich kurz vor dem Ziel um alles gebracht sieht und daher bereit ist, zum Verräter zu werden. Wie wird das ungleiche Spiel ausgehen: wie im richtigen Leben oder wie im Theater? Das Ende kommt jedenfalls anders als erwartet.

Kai Weber hat mit seiner ersten Regiearbeit ein großes Wagnis unternommen und gewonnen. Er hat die Personen prächtig geführt, die Spannung bis zum Schluss aufrechterhalten. Ein besonderes Lob gebührt auch dem Bühnenbild von Gerhard Schmid und seinem Team, das so treffend die kalte Stimmung des in Gang gesetzten Mechanismus einfängt.

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28.03.2011

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Skurril: Lebensnahe Antihelden bieten Theater absurd

Der Kassierer (Torsten Fahr) sieht alles, was sich in seinem Supermarkt tut, auch die zwei Einkäuferinnen vor ihm (von links Verena Scheibitz und Vanessa Köhler). 

Helmut Voith

Meckenbeuren hv Lebensschicksale im Supermarktregal, Sex in der Tiefkühltruhe, das klingt nach Satire. Die Laienspielgruppe Meckenbeuren bringt Ingrid Lausunds bissige und humorvolle Satire „Hysterikon“ auf die Bühne im Gleis 1, am Samstagabend war Premiere. Ein freches Stück, ein Stück, das in unsere Zeit passt, weil die Autorin diese trefflich karikierend aufs Korn nimmt. Zwei Stunden dichtes Spiel, spannende Unterhaltung, in der nachdenkliche Momente nicht zu kurz kommen, erwarten die Zuschauer. Unter der bewährten ausgefeilten Regie von Hermann Scheibitz wachsen die Spieler in dem schräg-bunten Bilderbogen wieder einmal über sich hinaus. 

Eine Augenweide ist allein schon das Bühnenbild von Gerhard Schmid mit Team und Rolf Fenzl: moderne Werbeflächen, versteckte Regale, in denen neben Joghurt auch Glück und Moral zu kaufen sind.

 

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SHAKESPEARE HÄTTE SEINE FREUDE GEHABT

15.03.2010

hv

Fröhliches Hauen und Stechen und Morden am Gleis 1

Die Laienspielgruppe Meckenbeuren spielt "Mac Best": Mit viel Spielfreude wird hier gehauen und gestochen und gemeuchelt.

MECKENBEUREN hv Mittelalter ist in, mag sich die Laienspielgruppe Meckenbeuren gesagt haben, als sie Stephen Briggs Gruseldrama „Mac Best“ nach einem Roman von Terry Pratchett für das Jahr 2010 ausgesucht hat. Der Besucher erlebt drei Stunden unterhaltsames Theater im Kulturschuppen am Gleis 1. 

Unweigerlich denkt man bei dem Titel an „Macbeth“, eines der bekanntesten Dramen Shakespeares. Die Handlung nimmt bei ihm einige Anleihen --die machtlüsterne Lady ebenso wie die drei Hexen, auch der Geist von Hamlets ermordetem Vater lässt grüßen. Von Shakespeares Witz und gedanklichem Tiefgang ist hier allerdings nichts zu finden, dafür gibt es genügend Action. Selbst bei den zahlreichen Umbaupausen wird der Zuschauer nicht allein gelassen: Lautstark ziehen indessen ein Trommler und ein Dudelsackpfeifer durch den Saal 

Unter der Regie von Alex Savarino und Didi Ammann, die selbst mitspielen, geht das dreistündige Spektakel sehr lebendig über die Bühne. Bei den häufig wechselnden Schauplätzen wünschte man sich allerdings doch eine Drehbühne oder eine Beschränkung auf weniger Requisiten und stattdessen noch mehr Projektionen, um die Übergänge zu beschleunigen. 

Die einzelnen Szenen sind wie immer bei der bewährten Laienspielgruppe Meckenbeuren sehr gut ausgearbeitet. Mit einem großen Buch sitzt die Erzählerin Barbara Kimpfler vorne an der Bühne und stellt Zusammenhänge her. Diskret hinter ihr die Souffleuse, die zumindest bei der Zweitvorstellung nur wenig zu tun hatte. Aber das ist man von den Meckenbeurern ja gewohnt. 

Meuchelmord, Dämonenbeschwörung und Bardenmusik – den Besuchern des Kulturschuppens am Gleis 1 wurde am Samstagabend einiges geboten. Die Laienspielgruppe Meckenbeuren hatte sich mit Terry Pratchetts „Mac Best“ ein äußerst anspruchsvolles Projekt ausgesucht und dieses mit Bravour gemeistert. In Anlehnung an Shakespeares „Macbeth“ werden in dem Stück Machtgier, Obrigkeitshörigkeit und Schicksalsgläubigkeit auf höchst unterhaltsame Weise parodiert. Nicht um die Krone Schottlands, sondern um die Herrschaft in Lancre dreht sich hier alles. Auch befindet sich Lancre nicht etwa auf der nördlichen Erdhalbkugel, sondern in der von Terry Pratchett erschaffenen Scheibenwelt.

Dennoch haben die Charaktere in Pratchetts Fantasywelt durchaus menschliche Züge, beziehungsweise ähneln den Shakespearschen Helden. Allen voran Herzog Felmet (Torsten Fahr): Getrieben von seiner machtbesessenen Gattin (Steffi Burkhard) ermordet er hinterrücks seinen Cousin König Verence und übernimmt die Herrschaft in Lancre. Wie Torsten Fahr die Grenzen zwischen Herrschaft und Wahnsinn, zwischen tyrannischem Diktator und devotem Ehemann auslotet, ist beeindruckend. „Ich war nicht dabei. Er fiel unglücklich“ – mit diesen Worten versucht er, sich aus der Affäre zu ziehen. Doch er kann den fortschreitenden Wahnsinn nicht aufhalten. So sehr er sich auch mit Hilfe von Schmirgelpapier und Feile bemüht, er kann die blutbefleckten Hände, Ausdruck seiner Schuld, nicht reinwaschen. Zudem muss er bald erkennen, dass die Herrschaft über Lancre langweilig ist

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Dienstag, den 18. August 2009

KLASSENKAMPF FLAMMT IM KULTURSCHUPPEN AUF

Herrlich, wie ein Mensch strahlen kann. Wenn man Hermann Scheibitz und seine Laienspieler am Sonntagabend nach der Zweitaufführung von "Bezahlt wird nicht" im Kulturschuppen am Gleis 1 erlebt hat, weiß man, dass sie sich im neuen Haus pudelwohl fühlen und ihren Erfolg mit Recht genießen.

(MECKENBEUREN/sz) Eine Runde ums Haus und der Eingang ist gefunden. Auf dem Bahnsteig, der zur "Flaniermeile" zwischen Theaterraum und Bistrowagen geworden ist, tummeln sich in froher Erwartung die Besucher - vom Bistroteam gut versorgt. Vorsitzende Margot Fischer führt uns Pressevertreter vor der Vorstellung auf die geräumige Hinterbühne, wo Spieler und Requisiten auf ihren Auftritt warten. Ein Monitor zeigt die Bühne - Kameras und Monitor sind das Einstandsgeschenk der Laienspielgruppe als Dank dafür, dass sie hier eine neue Heimat gefunden hat. Eine Treppe tiefer zeigt uns Margot Fischer die Umkleideräume, in denen die Spieler auch Duschen und WCs finden, ein großer Spiegel im Vorraum erlaubt einen letzten Blick auf das Kostüm.

Im Saal stellt sich die Frage, wie wohl von hinten die Sicht auf die Bühne sein mag. Hermann Scheibitz hat das Problem erkannt: Bei großen Veranstaltungen werde man wohl wieder die Podeste aus dem Feuerwehrhaus aufbauen, denn was sich auf dem Bühnenboden abspiele, sei hinten nicht mehr zu sehen. Scheibitz hat schnell reagiert: Der Polizeiinspektor, der bei der Hauptprobe ohnmächtig am Boden lag, fällt jetzt wie tot aufs Bett und wird dort zur Freude der Zuschauer "beatmet".

Nach der gelungenen Premiere sind auch die Besucher der Sonntagsvorstellung bald mitten drin im Stück, amüsieren sich über das lebhafte Spiel, über die klassenkämpferischen Sprüche, die Hermann Scheibitz in unsere bundesrepublikanische Jetzt-Zeit geholt hat. Einen Theaterklassiker hätten sie ausgesucht, sagt Scheibitz zur Begrüßung, "Bezahlt wird nicht", so brisant, dass der Autor Dario Fo zu seiner Zeit dafür eingesperrt wurde. Fröhlich tönt's aus dem Publikum: "Wir haben bezahlt!" 

BRISANZ LIEGT IN DER LUFT

"Dees isch aber steril!", meint eine Zuschauerin, als der Vorhang aufgeht - die Arbeiterwohnküche ist nicht sehr einladend, doch wer seit vier Monaten keine Miete zahlt, kann sich's nicht gemütlich machen. Spannende Unterhaltung, viel Spaß und nicht wenig Brisanz liegen in der Luft, wenn die Frauen die geklauten Sachen aus dem Supermarkt retten und ihre Männer mit falschen dicken Bäuchen narren, wenn die Männer Vogel- und Hundefutter futtern und Polizisten ausrasten. Wieder gefallen Sabine Beck als temperamentsprühende Klara, Vanessa Köhler als furchtsame Lissi, Torsten Fahr als Helmut, der lange den gutmütigen Trottel spielt, bis auch er seine Wut im Bauch rauslässt, und Alexander Savarino als kämpferischer Arbeiter. Den Vogel schießt Dietmar Ammann ab, wenn er bald als aufmüpfiger, bald als linientreuer Polizist auftaucht und sich blitzschnell in einen vergesslichen Alten und einen jiddischen Bestatter verwandelt. Von ihm stammen auch die köstlich frechen Texte im "Schwabenkurier", dem Alexander Savarino und Sabine Beck seine authentische Form gegeben haben. Ammann und Savarino werden das nächste Spiel der Laienspielgruppe inszenieren.

(Erschienen: Schwäbische Zeitung 24.03.2009)

 

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